Virtueller Tourismus im digitalen Zeitalter

Was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie den Begriff „virtueller Tourismus“ hören? Die Möglichkeit, sich vor der Urlaubsbuchung die Reiseziele virtuell anzuschauen? Verreisen, ohne auch nur einen Schritt vor die heimische Haustür zu setzen? Oder sogar eine Reise zum Mond? Heutzutage ist im digitalen Zeitalter dank der Virtual, Augmented und Mixed Reality (sog. Extended Reality) vieles möglich.Können sich die neuen Technologien jedoch als feste Bestandteile in der Tourismusbranche etablieren oder handelt es sich dabei wieder mal nur um einen kurzzeitigen Hype? Dieser Frage gehen wir anhand von Case Studies nach und untersuchen hierbei die Anwendungsmöglichkeiten in den drei großen Bereichen VR, AR und MR.

[Aufgrund des Bekanntheitsgrades der Begriffe Virtual, Augmented und Mixed Reality sind mittlerweile umfangreiche Informationen im Web enthalten, weshalb wir an dieser Stelle nicht näher auf die Unterschiede eingehen. Nähere Informationen zu diesen Technologien finden Sie auf unserer Seite.]

1. Virtueller Tourismus? Ja bitte!


Mit der Digitalisierung verlagert sich der Tourismus immer mehr online. Das bestätigen auch die Ergebnisse einer repräsentativen Studie von 2018 im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. Auf die Frage „Wo sind Sie auf Ihr letztes Urlaubsziel aufmerksam geworden?“ lautet die Antwort eines Viertels der Befragten (25 %) „online“ – d. h. in sozialen Netzwerken (4 %), Reiseblogs (7 %) und sonstigem Web (14 %).

Abbildung 1: „Wo sind Sie auf Ihr letztes Urlaubsziel aufmerksam geworden?“ aus der Studie „Die Zukunft des Reisens ist digital“, Quelle: Digitalverband Bitkom e. V., 2018

In derselben Studie werden die Teilnehmer auch über die Nutzung digitaler Technologien auf Reisen befragt. Neuen Technologien wie Virtual Reality, um Orte virtuell zu bereisen (55 %) oder Urlaubsvideos im 360°-Format anzusehen (54 %), steht rund jeder Zweite offen gegenüber. Dabei zeigen sechs von zehn Befragten (60 %) Interesse an neuartigen Erlebniswelten durch Augmented Reality, z. B. zur besseren Orientierung am Reiseort.

Abbildung 2: „Welche dieser Services würden Sie nutzen?“ Aus der Studie „Die Zukunft des Reisens ist digital“, Quelle: Digitalverband Bitkom
e. V., 2018


Den hohen Prozentsatz könnte man durch die Tatsache erklären, dass es sich in der Tourismusbranche nicht um greifbare Produkte handelt, sondern vielmehr um Erlebnisse. Die VR-Technologie ist sehr gut geeignet, diese Erlebnisse durch visuelle Eindrücke dem Kunden zu präsentieren, denn bei ihr stehen die Immersion und die Begeisterung des Nutzers im Mittelpunkt.

Darüber hinaus wurden die Teilnehmer befragt, welche der digitalen Services der Zukunft sie nutzen würden. Die Zahlen sprechen für sich: Mehr als die Hälfte der Befragten äußert den Wunsch, die neuen Technologien VR und AR zu nutzen. Mehr als jeder Zweite (54 %) würde gern vom Sofa aus mit einer Virtual-Reality-Brille auf Reisen gehen. 52 % würden Augmented Reality zur besseren Orientierung am Reiseort nutzen.

 

Abbildung 3: „Welchen dieser digitalen Services der Zukunft würden Sie nutzen?“ Aus der Studie „Die Zukunft des Reisens ist digital“, Quelle: Digitalverband Bitkom e. V., 2018



Anhand dieser Grafiken ist ersichtlich, dass die Kunden immer anspruchsvoller werden, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis das Angebot eines virtuellen Tourismus nicht mehr nur gewünscht, sondern verlangt wird.

 

2. Virtual-Reality-Tourismus: from Science-Fiction to Science-Fact


 

Konnte man früher weit entfernte Orte nur übers Fernsehen erleben, so eröffnet heute die VR-Technologie dem Reisen bzw. dem Tourismus zahlreiche neue Möglichkeiten (und zwar nicht nur auf der Erde). Das, was Virtual Reality so besonders macht, ist die sogenannte Immersion, also das Eintauchen in eine virtuelle Welt mit allen Sinnen.

Im Folgenden werden einige Case Studies des VR-Tourismus dargestellt.

Mit VR die Mondlandung vor 50 Jahren hautnah erleben


Mit Virtual-Reality-Anwendungen ist es nun möglich, vom heimischen Sofa aus interaktiv virtuell zu reisen, und zwar in Echtzeit. Virtuell an einer Safari in Afrika teilnehmen, in die Vergangenheit reisen und Dinosaurier mittels VR-Technologie lebendig erleben, ist mit den heutigen Möglichkeiten der virtuellen Realität bereits machbar. Das bestätigt auch unsere Case Study in Kooperation mit dem Deutschen Museum in München ‒ die erste Mondlandung als Virtual-Reality-Anwendung. Dabei sieht der VR-User die Fähre in bisher nie gekannter Realität auf sich zukommen und unmittelbar neben sich landen, er steht neben Neil Armstrong bei seinem berühmten ersten Schritt oder er erkundet das „Meer der Ruhe“ rund um den Landeplatz der Astronauten auf eigene Faust. So konnten die Besucher die Apollo-11-Mission und die unglaublichen Leistungen ihrer Besatzung hautnah erleben.


Dank VR den Wunschort noch vor der Reise erleben


Eine weitere Verwendung für VR im Tourismus zeigt die Fluggesellschaft British Airways, indem sie ihren Kunden ermöglicht, in VR den Wunschort durch virtuelle Ausflüge noch vor der eigentlichen Reise zu erleben. Laut einer Umfrage von British Airways stehen viele Deutsche der VR-Technologie ebenfalls sehr aufgeschlossen gegenüber, es gibt also viel Raum zur Entfaltung.

 



VR macht historische und kulturelle Denkmäler interaktiv begehbar


Dank der VR-Technologie ist es heute möglich, historische und kulturelle Denkmäler in einer bisher nicht gekannten Detailtreue in 3D zu rekonstruieren und sie damit interaktiv begehbar und archivierbar zu machen. Der Beweis dafür: unsere nächste Case Study „Heimat Digital/Bayern 3D“. In diesem Projekt machten wir die Sehenswürdigkeiten von Bayern erlebbar und somit einem noch breiteren Publikum zugänglich. So hat der User die Möglichkeit, die Sehenswürdigkeiten zu jeder Tageszeit und egal von welchem Ort aus über das Internet barrierefrei zu besuchen. Der Betrachter dieser Kunstschätze kann sich dabei völlig frei im Raum bewegen und so alle wertvollen Details entdecken. Ebenso spielt die Archivierung eine zentrale Rolle, denn oftmals liegen für historisch bedeutsame Denkmäler keine detaillierten Aufzeichnungen vor, die eine Rekonstruktion ermöglichen würden (nach Zerstörungen durch Unfälle oder Umweltkatastrophen wäre ein erneuter, detailgetreuer Wiederaufbau nur so möglich).

VR im Bauplanungsprozess


Dass die Anwendungsmöglichkeiten von Virtual Reality in der Tourismusbranche vielfältig sind, bestätigt unser nächstes Case Study. Auch die deutsche Lufthansa hat bereits die VR-Technologie eingesetzt. Und zwar beim digitalen Nachbau des Terminals 1 des Frankfurter Flughafens. Um den Planungsprozess möglichst optimal zu gestalten und auch intern Stakeholder zu informieren, setzte 2018 die Fluggesellschaft auf das Potenzial von VR. Mithilfe eines VR-Konfigurators konnten beliebige Objekte wie z. B. Personen, Servicecounter oder Self-Ticketing-Automaten im VR-Raum platziert und unterschiedliche Szenarien erstellt und gespeichert werden.

 

VR als Ergänzung in Reisebüros


Nicht zuletzt stellt Virtual Reality eine gute Ergänzung zu Texten, Bildern oder Videos dar. Thomas Cook hat z. B. viele seiner Reisebüros mit einer VR-Brille ausgestattet, um den Kunden ihre gewünschten Orte vorab schon mithilfe von VR zu präsentieren. So sieht der Kunde die Orte oder Hotelzimmer besser im Detail, was sich durch einfache Fotos nicht so leicht machen lässt.

 


3. Augmented Reality im Tourismus – Reiseführer der Zukunft


Augmented Reality bietet dem Nutzer einen Mehrwert insbesondere durch das Einblenden von relevanten Zusatzinformationen. Kennen Sie dieses Gefühl, dass Sie genau jetzt eine bestimmte Information zu etwas haben wollen, diese aber nicht vorhanden bzw. nicht so schnell zugänglich ist? Wollen Sie wissen, wie dieses schöne Restaurant vor Ihnen auf dem Domplatz in Milano heißt oder welche Geschichte bzw. Bauzeit die gerade von Ihnen entdeckte Kathedrale in Spanien hat? Augmented Reality im Tourismus schafft genau das. Die AR-Technologie findet vor allem in Reiseinformations-Apps Anwendung.

Ein Beispiel dafür ist die AR-App der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT). Mit der sogenannten GNTBAR App lassen sich die vom DZT herausgegebenen Werbemedien digital erlebbar machen. Auf diese Weise kann der App-Nutzer auf zusätzliche spannende und überraschende Inhalte über sein Smartphone oder Tablett jederzeit zugreifen.

Eine andere Anwendung in der Tourismusbranche findet Augmented Reality beim Scannen von QR-Symbolen. Dies ermöglicht es dem Nutzer, z. B. beim Durchschauen von Reisekatalogen zusätzliche digitale Informationen über sein Smartphone oder Tablett zu erhalten.

Auch wenn Augmented Reality noch keine breite Anwendung in der Tourismusbranche findet, besteht darüber hinaus weiteres Potenzial.

 

4. Mixed Reality sitzt noch auf der Reservebank



Mixed Reality unterscheidet sich von Virtual Reality und Augmented Reality dadurch, dass es ermöglicht, meist durch die Microsoft HoloLens, Hologramme in seine Umgebung zu integrieren, ohne dafür ein Smartphone oder Tablet verwenden zu müssen. Jedoch steckt sie zurzeit in vielerlei Hinsicht noch im Experimentierstadium; darüber hinaus ist der Einsatz von MR oft mit hohen Ausgaben verbunden. Daher ist es nicht überraschend, dass ihre Anwendung in der Tourismusbranche immer noch in den Kinderschuhen steckt. Ein Indiz dafür ist der Mangel an Case Studies.

5. Fazit


Wie aus den oben genannten Beispielen ersichtlich wird, sollte das Potenzial der Virtual Reality-Anwendung im Tourismus nicht unterschätzt werden. Vergleicht man die Analyseergebnisse der drei großen Bereiche VR, AR und MR miteinander, wird ein klarer Vorsprung der virtuellen Realität beobachtet, gefolgt von der erweiterten Realität (Augmented Reality). Dennoch dürfte die MR-Anwendung nicht im Voraus aus dem virtuellen Tourismus ausgeschlossen werden, insbesondere wegen des hohen Interesses der Kunden an den Technologien sowie der stetigen technologischen Entwicklung.

Anhand der Analyse kann man feststellen, dass die neuen Technologien nicht nur eine passende Anwendung in der Urlaubsplanung finden, sondern auch in dem virtuellen Erleben von Schlössern, Kulturdenkmälern, historischen Stätten usw. Sie bieten somit ein großes Potenzial für die Tourismusbranche; daher ist davon auszugehen, dass sie zunehmend zu einem festen Bestandteil derselben werden. Wir können gespannt sein, wie sich der Tourismus mit diesen Technologien weiterentwickeln wird.